Sofortmaßnahmen
„Erste Hilfe“ nach einem Kondomunfall
Wenn ein Kondom gerissen oder abgerutscht ist und ein HIV-Risiko im Raum steht, ist der entscheidende Schritt die ärztliche Abklärung, nicht das Waschen. Wenden Sie sich möglichst noch am selben Tag an eine Notaufnahme, eine HIV-Schwerpunktpraxis oder eine Infektionsambulanz, damit geprüft werden kann, ob eine PEP sinnvoll ist. Dieses Zeitfenster ist eng, alles andere kann warten.
Was soll ich in den ersten Minuten tun?
Ruhig bleiben und einordnen, was tatsächlich passiert ist. Ein Kondomunfall bedeutet nicht automatisch eine Infektion. Ob überhaupt ein Risiko besteht, hängt davon ab, ob die andere Person HIV-positiv ist, ob sie behandelt wird und welche Sexualpraktik betroffen war.
Als unmittelbare Maßnahmen können Sie:
- Den Penis nach dem Verkehr abduschen und Wasser lassen
- Nach vaginaler oder analer Aufnahme von Sperma äußerlich abduschen
- Sperma im Mund ausspucken und den Mund mit Wasser ausspülen
Verzichten Sie auf innere Spülungen von Scheide oder Darm. Sie verringern das Risiko nicht, sondern können durch kleine Verletzungen der Schleimhaut eher das Gegenteil bewirken. Auch scharfe Desinfektionsmittel oder hochprozentiger Alkohol im Mund sind nicht zu empfehlen, sie reizen die Schleimhaut zusätzlich. Der Nutzen all dieser Maßnahmen ist ohnehin begrenzt. Wirksam ist die medizinische Abklärung.
Wie hoch ist das Risiko überhaupt?
In den meisten Fällen ist es deutlich niedriger, als es sich in der Nacht danach anfühlt. Entscheidend ist der HIV-Status der anderen Person. Ist diese Person HIV-negativ, besteht kein Übertragungsrisiko. Ist sie HIV-positiv, nimmt aber wirksame Medikamente und hat eine dauerhaft nicht nachweisbare Viruslast, ist HIV nach heutigem Kenntnisstand nicht übertragbar. Das erklärt der Beitrag nicht nachweisbar gleich nicht übertragbar.
Das Risiko unterscheidet sich zudem stark nach Praktik. Beim Analverkehr ist es am höchsten, beim Vaginalverkehr niedriger und beim Oralverkehr sehr gering. Wenn Sie den Status der anderen Person nicht kennen, ist genau das der Punkt, an dem eine ärztliche Einschätzung weiterhilft.
Wann kommt eine PEP infrage?
Wenn ein realistisches Übertragungsrisiko bestand, also etwa ungeschützter Anal- oder Vaginalverkehr mit einer HIV-positiven Person ohne wirksame Therapie oder mit einer Person mit unbekanntem Status aus einer Gruppe mit erhöhtem Risiko. Die PEP muss so früh wie möglich beginnen, idealerweise innerhalb weniger Stunden.
Als Regelgrenze gelten 48 Stunden nach dem Ereignis, in begründeten Ausnahmen ist ein Beginn bis zu 72 Stunden danach möglich. Die Entscheidung trifft ausschließlich die Ärztin oder der Arzt nach einer Risikobewertung. Die Einnahme dauert dann etwa vier Wochen. Gehen Sie also lieber einmal zu viel in die Notaufnahme als einmal zu spät.
Und was ist mit einer Schwangerschaft?
Auch das ist eine Frage der Zeit. Zur Notfallverhütung gibt es die sogenannte Pille danach, die umso zuverlässiger wirkt, je früher sie eingenommen wird. Sie ist in Apotheken ohne Rezept erhältlich, eine gynäkologische Praxis oder ein Krankenhaus mit gynäkologischer Abteilung berät ebenfalls dazu.
Beide Themen lassen sich parallel klären. Wenn Sie wegen einer möglichen HIV-Exposition in die Notaufnahme gehen, sprechen Sie die Verhütungsfrage dort ebenfalls an.
Sollte ich mich jetzt sofort testen lassen?
Ein Test unmittelbar nach dem Ereignis zeigt nicht, ob Sie sich gerade angesteckt haben. Er dokumentiert nur Ihren Status vor dem Vorfall, was für die weitere Einordnung durchaus nützlich ist. Aussagekräftig wird ein Test erst nach Ablauf des diagnostischen Fensters.
Ein aktueller Labortest gilt in der Regel sechs Wochen nach dem Risiko als verlässlich. Wo Sie sich testen lassen können, auch anonym, steht unter wo einen HIV-Test machen. Wenn Sie eine PEP eingenommen haben, legt die betreuende Praxis eigene Testzeitpunkte fest.
Wie verhalte ich mich bis zur Klärung?
Haben Sie in dieser Zeit nur geschützten Geschlechtsverkehr. Falls tatsächlich eine Übertragung stattgefunden hat, ist die Viruslast in den ersten Wochen besonders hoch, und HIV kann bereits weitergegeben werden, lange bevor ein Test anschlägt. Das ist der eigentliche Grund für diese Vorsicht.
Wenn die Wartezeit belastend ist, holen Sie sich Unterstützung. Die Beratungsstellen der Aidshilfen und die Gesundheitsämter beraten kostenfrei und auf Wunsch anonym, auch telefonisch.
Wie vermeide ich den nächsten Kondomunfall?
Meist steckt ein vermeidbarer Anwendungsfehler dahinter. Häufige Ursachen sind eine unpassende Größe, das Öffnen der Packung mit den Zähnen, fehlendes Gleitmittel oder fettende Produkte, die das Material zerstören. Ausführliche Hinweise dazu finden Sie unter rund ums Kondom.
Wenn Sie regelmäßig in Situationen mit erhöhtem Risiko kommen, kann zusätzlich die PrEP eine Option sein. Sie wird vorbeugend eingenommen und ist etwas völlig anderes als die PEP nach dem Risiko.
Weiterlesen