Ansteckungsrisiken
Analverkehr
Ungeschützter Analverkehr gilt als die sexuelle Praktik mit dem höchsten HIV-Übertragungsrisiko. Der Grund ist körperlicher Natur: Die Darmschleimhaut ist dünn, sehr gut durchblutet und produziert keine eigene Gleitflüssigkeit, wodurch beim Eindringen leicht kleinste Verletzungen entstehen. Beide Partner können sich infizieren, die aufnehmende Person jedoch deutlich leichter.
Warum ist das Risiko beim Analverkehr höher als beim Vaginalverkehr?
Weil die Darmschleimhaut empfindlicher ist als die Vaginalschleimhaut. Sie besteht aus einer einzigen Zellschicht, liegt direkt über einem dichten Netz kleiner Blutgefäße und ist nicht darauf ausgelegt, mechanischer Reibung standzuhalten. Beim Eindringen entstehen deshalb häufig winzige Risse, die weder blutend noch schmerzhaft sein müssen und in aller Regel überhaupt nicht bemerkt werden.
Dazu kommt, dass sich unmittelbar unter dieser Schleimhaut besonders viele Immunzellen befinden, also genau die Zellen, an die HIV andockt. Virus und Zielzelle treffen hier also unter günstigen Bedingungen aufeinander. Die Einordnung ist gesichert: Analverkehr ist riskanter als Vaginalverkehr, dieser wiederum riskanter als Oralverkehr.
Wer trägt das größere Risiko, der aktive oder der passive Part?
Die aufnehmende Person trägt das deutlich größere Risiko. Sie kommt großflächig mit Sperma oder Lusttropfen in Kontakt, und die Schleimhaut bietet dem Virus eine große Eintrittsfläche. Das gilt unabhängig vom Geschlecht.
Der eindringende Partner ist aber keineswegs sicher. Über die Schleimhaut an der Eichelspitze, den Bereich unter der Vorhaut und über kleine Verletzungen am Penis kann HIV aus Blut oder Darmsekret aufgenommen werden. Wer sich darauf verlässt, als aktiver Part schon nichts abzubekommen, unterschätzt die Lage. Auch ohne Samenerguss besteht ein reales Risiko, weil der Lusttropfen bereits Viren enthalten kann. Dieser Punkt wird ausführlicher im Artikel zum Ansteckungsrisiko für Frauen behandelt, er gilt für Analverkehr genauso.
Wie hoch ist das Risiko beim ersten Mal?
Es gibt keine Anzahl von Kontakten, ab der ein Risiko beginnt. Eine Übertragung kann bereits beim ersten Mal stattfinden, und ebenso kann jemand über lange Zeit ungeschützten Verkehr haben, ohne sich anzustecken. HIV überträgt sich nicht nach einem Punktesystem, sondern nach Gelegenheit.
Entscheidend ist, wie viel Virus im Spiel ist und ob die Schleimhaut vorgeschädigt ist. Eine unbehandelte HIV-Infektion in den ersten Wochen nach der Ansteckung geht mit einer sehr hohen Viruslast einher, in dieser Phase ist die Ansteckungsgefahr besonders groß. Auch andere Geschlechtskrankheiten wie Syphilis, Chlamydien oder Herpes erhöhen das Risiko erheblich, weil sie die Schleimhaut entzünden und angreifbar machen.
Was bedeutet U=U für den Analverkehr?
Es bedeutet Entwarnung, sofern die Voraussetzungen erfüllt sind. Wenn eine HIV-positive Person wirksame Medikamente einnimmt und die Viruslast im Blut dauerhaft unter der Nachweisgrenze liegt, findet keine sexuelle Übertragung statt. Das gilt auch für ungeschützten Analverkehr und ist heute wissenschaftlicher Konsens, zusammengefasst in der Formel nicht nachweisbar gleich nicht übertragbar.
Wichtig sind dabei zwei Bedingungen: Die Medikamente müssen regelmäßig eingenommen und die Viruslast muss ärztlich kontrolliert bestätigt sein. Eine Vermutung reicht nicht. Vor anderen sexuell übertragbaren Infektionen schützt eine nicht nachweisbare Viruslast im Übrigen nicht, ein Kondom dagegen schon.
Wie schützt man sich beim Analverkehr wirksam?
Am zuverlässigsten mit Kondom plus reichlich Gleitmittel. Verwenden Sie fettfreies Gleitmittel auf Wasser- oder Silikonbasis, denn Öle, Fette und Cremes machen Latex porös und lassen das Kondom reißen. Zu wenig Gleitmittel ist die häufigste Ursache dafür, dass beim Analverkehr etwas schiefgeht, sparen Sie also nicht daran und geben Sie bei längerem Verkehr immer wieder nach.
Kondome sollten unbeschädigt, nicht abgelaufen und richtig herum abgerollt sein. Details dazu finden Sie unter Rund ums Kondom und geschützter Geschlechtsverkehr. Eine weitere wirksame Möglichkeit ist die PrEP, eine vorbeugende Medikamenteneinnahme durch HIV-negative Menschen, die sich gerade für Personen mit häufig wechselnden Kontakten anbietet.
Was tun, wenn das Kondom gerissen ist?
Schnell handeln. Nach einem Kondomunfall oder ungeschütztem Kontakt mit möglichem Risiko gibt es die PEP, eine mehrwöchige Notfallmedikation, die eine Infektion noch verhindern kann. Sie muss so früh wie möglich begonnen werden, idealerweise innerhalb weniger Stunden, spätestens nach 48 bis 72 Stunden.
Anlaufstellen sind HIV-Schwerpunktpraxen, Infektionsambulanzen und die Notaufnahmen größerer Kliniken. Warten Sie nicht bis zum nächsten Werktag, und warten Sie auch nicht auf einen Test, denn ein Test kann eine frische Infektion in dieser Phase noch gar nicht anzeigen. Konkrete Schritte beschreibt der Artikel Erste Hilfe nach einem Kondomunfall.
Schildern Sie dort möglichst genau, was passiert ist, welche Praktik stattfand und was über den HIV-Status des Partners bekannt ist. Diese Angaben entscheiden darüber, ob eine PEP überhaupt sinnvoll ist, denn sie ist eine mehrwöchige Medikamenteneinnahme mit möglichen Nebenwirkungen und wird nicht pauschal verordnet. Unangenehme Fragen gehören dazu, das medizinische Personal bewertet nichts davon. Ist der Partner bekanntermaßen HIV-positiv und in wirksamer Behandlung mit nicht nachweisbarer Viruslast, wird in der Regel keine PEP nötig sein. Auch dann ist das Gespräch der richtige Weg, statt allein zu grübeln.
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