Ansteckungsrisiken
Oralverkehr
Das HIV-Risiko beim Oralverkehr ist deutlich geringer als beim Vaginalverkehr und sehr viel geringer als beim Analverkehr. Ganz ausschließen lässt es sich beim Aufnehmen von Sperma in den Mund allerdings nicht. Für alle anderen Varianten des Oralverkehrs bewegt sich das Risiko im theoretischen Bereich.
Wie riskant ist es, sich oral befriedigen zu lassen?
Praktisch gar nicht. Wer oral befriedigt wird, kommt im Wesentlichen mit Speichel in Kontakt, und Speichel enthält selbst bei HIV-positiven Menschen nur sehr wenige Viren. Hinzu kommt, dass Speichel Enzyme enthält, die HI-Viren aktiv zusetzen. Hier von einem Risiko zu sprechen, wäre eine Übertreibung.
Anders sieht es aus, wenn Blut hinzukommt, etwa bei starkem Zahnfleischbluten, frisch gezogenen Zähnen oder deutlichen Verletzungen im Mund des Partners. Dann liegt kein reiner Speichelkontakt mehr vor. Auch dann bleibt das Risiko gering, aber es ist nicht mehr rein theoretisch. Warum Blut eine andere Rolle spielt als Speichel, erklärt der Artikel zur Blutübertragung.
Wie riskant ist es, einen Mann oral zu befriedigen?
Ein Risiko besteht vor allem dann, wenn infektiöses Sperma in den Mund aufgenommen wird. Über die Mundschleimhaut, besonders bei kleinen Verletzungen, Entzündungen oder Aphthen, kann HIV in den Körper gelangen. Übertragungen auf diesem Weg sind selten, aber sie kommen vor.
Der Lusttropfen, der bei Erregung schon vor dem Orgasmus austritt, kommt für eine Infektion beim Oralverkehr eher nicht in Betracht. Die Menge ist gering und die Viruskonzentration niedriger als im Ejakulat. Wer das Risiko weiter senken möchte, vermeidet den Samenerguss im Mund oder verwendet ein Kondom.
Zwei praktische Hinweise: Putzen Sie sich unmittelbar vor dem Oralverkehr nicht die Zähne und verwenden Sie keine Zahnseide, denn das kann das Zahnfleisch verletzen. Und beachten Sie, dass andere Geschlechtskrankheiten wie Gonorrhoe, Syphilis oder Chlamydien beim Oralverkehr deutlich leichter übertragen werden als HIV. Wer nur an HIV denkt, übersieht das häufigere Problem.
Wie riskant ist es, eine Frau oral zu befriedigen?
Nach bisherigem Wissensstand ist das Risiko vernachlässigbar gering. Scheidenflüssigkeit einer HIV-positiven Frau enthält zwar Viren, in aller Regel jedoch deutlich weniger als Sperma oder Blut. Damit eine Infektion zustande käme, müssten diese Viren in ausreichender Menge in den Mund gelangen, den Kontakt mit dem Speichel überstehen und die infizierbaren Zellen im Mund- und Rachenraum erreichen. Diese Kette ist unwahrscheinlich.
Etwas anders liegt der Fall während der Menstruation, weil Blut hinzukommt und damit die Virusmenge steigt. Und wie überall gilt: Verletzungen oder Entzündungen im Mund, eine eingerissene Lippe oder eine Pilzinfektion erhöhen die Durchlässigkeit der Schleimhaut. Als Schutz eignet sich ein Dental Dam, also ein Latextuch, ersatzweise ein längs aufgeschnittenes Kondom.
Kann man sich beim Küssen anstecken?
Nein. Küssen überträgt HIV nicht, auch nicht bei intensivem Zungenkuss. Speichel ist keine Übertragungsflüssigkeit, und die enthaltene Virusmenge reicht für eine Infektion bei Weitem nicht aus. Das gilt selbst dann, wenn beide Partner leichte Zahnfleischprobleme haben.
Diese Frage taucht trotzdem immer wieder auf, meist verbunden mit erheblicher Sorge. Ausführlich beantwortet wird sie unter Küssen sowie im Überblick Wobei man sich nicht mit HIV anstecken kann.
Was bedeutet U=U für den Oralverkehr?
Es bedeutet, dass die Frage sich erübrigt, wenn eine wirksame Therapie läuft. Nimmt eine HIV-positive Person ihre Medikamente zuverlässig ein und ist die Viruslast dauerhaft und ärztlich bestätigt nicht nachweisbar, findet sexuell keine Übertragung statt. Das ist wissenschaftlicher Konsens und gilt für Oralverkehr genauso wie für alle anderen Praktiken, nachzulesen unter nicht nachweisbar gleich nicht übertragbar.
Vor anderen sexuell übertragbaren Infektionen schützt das nicht. Gerade beim Oralverkehr ist das relevant, weil Rachen-Infektionen mit Gonorrhoe oder Chlamydien oft völlig symptomlos verlaufen und deshalb unbemerkt weitergegeben werden.
Wann sollte man nach Oralverkehr einen Test machen?
Wenn ein reales Risiko bestand, also insbesondere bei Aufnahme von Sperma in den Mund bei nicht behandelter oder unbekannter HIV-Infektion des Partners. Bei reinem Speichelkontakt oder beim passiven Part ist kein Test nötig, so unangenehm die Ungewissheit auch sein mag.
Beachten Sie dabei das diagnostische Fenster: Ein Labortest der vierten Generation ist etwa sechs Wochen nach dem Kontakt aussagekräftig, ein Heimtest benötigt in der Regel zwölf Wochen. Ein früher durchgeführter Test kann ein falsch beruhigendes Ergebnis liefern und muss dann ohnehin wiederholt werden.
Ein Hinweis zur Einordnung von Symptomen: Halsschmerzen oder ein Kratzen im Rachen nach Oralverkehr werden häufig als Anzeichen einer HIV-Infektion gedeutet. Sie sind es in aller Regel nicht, und aus Beschwerden allein lässt sich ohnehin nichts ableiten, weder in die eine noch in die andere Richtung. Klarheit bringt ausschließlich ein Test zum richtigen Zeitpunkt, nicht die Beobachtung des eigenen Körpers. Wie sich eine frische Infektion äußern kann, beschreibt der Artikel Symptome der Infektion. Wo Sie sich testen lassen können, steht unter Wo HIV-Test machen. Bestand ein hohes Risiko, etwa bei bekannter unbehandelter Infektion des Partners, warten Sie nicht auf einen Test, sondern klären Sie umgehend eine PEP ab. Wie Sie sich dauerhaft schützen, beschreibt der Bereich Schutz und Vorbeugung.
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