Sofortmaßnahmen
Sofortmaßnahmen bei Nadelstichverletzungen
Nach einer Nadelstichverletzung gilt: Wunde bluten lassen, mit einem alkoholischen Desinfektionsmittel versorgen und anschließend sofort ärztlich vorstellig werden. Im beruflichen Umfeld ist das der Durchgangsarzt oder die Betriebsärztin, außerhalb der Dienstzeiten die Notaufnahme. Dort wird entschieden, ob eine PEP erforderlich ist, und dieses Zeitfenster ist knapp.
Was mache ich in den ersten Minuten?
Halten Sie diese Reihenfolge ein, sie dauert nur wenige Minuten:
- Den Blutfluss aus der Wunde fördern, indem Sie das umliegende Gewebe ein bis zwei Minuten lang eindrücken. Quetschen Sie die Wunde nicht aus, das kann Erreger tiefer ins Gewebe drücken
- Die Stelle unter fließendem Wasser abspülen
- Die Wunde großzügig mit einem alkoholischen Hautdesinfektionsmittel benetzen und mehrere Minuten einwirken lassen
- Den Vorfall dokumentieren und sofort die ärztliche Vorstellung einleiten
Bei Spritzern ins Auge spülen Sie ausgiebig mit Wasser oder steriler Spüllösung. Bei Kontakt mit der Mundschleimhaut spucken Sie aus und spülen mehrfach mit Wasser nach. Für Schleimhäute dürfen nur ausdrücklich schleimhautverträgliche Präparate verwendet werden, niemals hochprozentiger Alkohol.
Wie hoch ist das Risiko wirklich?
Deutlich niedriger, als die meisten Betroffenen in diesem Moment annehmen. Das Übertragungsrisiko bei einer einzelnen Nadelstichverletzung mit HIV-haltigem Blut liegt statistisch im Bereich weniger Promille. Steht die Nadel in keinem Zusammenhang mit einer bekannten HIV-positiven Person, sinkt das Risiko weiter.
Entscheidend sind mehrere Faktoren: die Tiefe der Verletzung, ob sichtbar Blut an der Nadel war, ob es sich um eine Hohlnadel handelte und ob die Quellperson HIV-positiv ist. Ist die Quellperson in Behandlung und ihre Viruslast dauerhaft nicht nachweisbar, besteht praktisch kein Risiko, wie unter nicht nachweisbar gleich nicht übertragbar beschrieben. Zu bedenken sind außerdem Hepatitis B und C, die über Blutübertragung leichter weitergegeben werden als HIV.
Wann brauche ich eine PEP?
Das entscheidet immer die Ärztin oder der Arzt nach einer Risikobewertung, nicht Sie selbst und auch nicht die Vorgesetzten. Erwogen wird eine PEP vor allem bei tiefen Verletzungen mit sichtbarer Blutkontamination, bei Hohlnadeln aus Gefäßen und wenn die Quellperson HIV-positiv ist oder ein hohes Risiko dafür besteht.
Falls eine PEP angezeigt ist, sollte sie so früh wie möglich beginnen, im Idealfall innerhalb weniger Stunden. Die Regelgrenze liegt bei 48 Stunden, in begründeten Ausnahmefällen ist ein Start bis 72 Stunden nach dem Ereignis möglich. Die Einnahme dauert dann etwa vier Wochen. Deshalb ist es falsch, bis zum nächsten Morgen oder bis Montag zu warten.
Was passiert mit der Nadel und der Quellperson?
Bewahren Sie das Instrument sicher auf, wenn das gefahrlos möglich ist. Lässt sich die Nadel keiner bestimmten Person zuordnen, etwa bei einem Fund im öffentlichen Raum, kann das Material auf Erreger untersucht werden und hilft bei der Einschätzung.
Ist die Quellperson bekannt, kann sie um ihr Einverständnis für eine Blutuntersuchung gebeten werden. Das ist freiwillig, eine Testung gegen den Willen ist nicht zulässig. Ein bekannter negativer Status der Quellperson erspart Ihnen im günstigen Fall die gesamte PEP.
Welche Tests folgen und wann?
Zunächst wird Ihnen zeitnah Blut abgenommen, um Ihren Ausgangsstatus für HIV und Hepatitis zu dokumentieren. Dieser Nullwert ist wichtig, weil er eine spätere Infektion eindeutig dem Vorfall zuordnet.
Danach folgen Kontrollen im Abstand von mehreren Wochen und Monaten, deren genaue Zeitpunkte die betreuende Praxis festlegt. Ein Test unmittelbar nach dem Stich sagt nichts über eine frische Infektion aus, weil das diagnostische Fenster noch nicht abgelaufen ist. Wie die Verfahren funktionieren, erklärt der Beitrag wie funktioniert der HIV-Antikörpertest. Nehmen Sie alle Kontrolltermine wahr, auch wenn Sie sich längst wieder sicher fühlen.
Warum muss ich den Vorfall melden?
Weil eine Nadelstichverletzung im Beruf ein Arbeitsunfall ist. Nur wenn der Vorfall dokumentiert und über den Durchgangsarzt gemeldet wurde, übernimmt der zuständige Unfallversicherungsträger die Kosten für Diagnostik, Nachsorge und gegebenenfalls die PEP. Auch spätere Ansprüche hängen an dieser Meldung.
Notieren Sie Datum, Uhrzeit, Hergang und die beteiligten Materialien möglichst genau. Melden Sie den Vorfall auch dann, wenn er Ihnen unbedeutend erscheint. Nachträglich lässt sich eine fehlende Dokumentation kaum ersetzen.
Wie gehe ich mit der Angst danach um?
Die Wartezeit bis zum abschließenden Testergebnis ist für viele belastender als die Verletzung selbst. Es hilft, das statistische Risiko realistisch einzuordnen: Die allermeisten dieser Vorfälle bleiben ohne Folgen. Eine Übersicht über Situationen ohne Ansteckungsgefahr finden Sie unter kein HIV-Risiko.
Wenn die Sorge Sie stark beschäftigt, wenden Sie sich an eine der Beratungsstellen der Aidshilfen oder an das Gesundheitsamt. Die Beratung ist kostenfrei und auf Wunsch anonym. Bis zum letzten Kontrollergebnis sollten Sie beim Sex zusätzlich geschützt bleiben.
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