Behandlung und Therapie

„Boosten“ „Wirkstoffspiegel“ und „Resistenzen“

Der Wirkstoffspiegel ist die Menge eines Medikaments im Blut. Bleibt er dauerhaft hoch genug, kann sich das HI-Virus nicht vermehren. Sinkt er zwischendurch ab, etwa durch vergessene Einnahmen, kann das Virus mutieren und unempfindlich gegen den Wirkstoff werden. Das nennt man Resistenz. Unter Boosten versteht man den gezielten Einsatz einer Substanz, die den Abbau eines anderen Wirkstoffs verlangsamt und dessen Spiegel dadurch stabil hält.

Diese drei Begriffe hängen unmittelbar zusammen: Der Spiegel entscheidet über die Wirksamkeit, das Boosten hilft, ihn zu halten, und Resistenzen sind die Folge, wenn er über längere Zeit zu niedrig ist.

Warum ist ein konstanter Wirkstoffspiegel so wichtig?

Weil HIV sich extrem schnell vermehrt und dabei laufend Kopierfehler macht. In einer infizierten Person entstehen fortwährend leicht veränderte Virusvarianten. Ist die Virusvermehrung durch ausreichend hohe Wirkstoffspiegel vollständig blockiert, kommt dieser Prozess praktisch zum Erliegen.

Fällt der Spiegel dagegen in einen Bereich, in dem das Medikament das Virus zwar bremst, aber nicht mehr stoppt, entsteht die ungünstigste Situation überhaupt: Das Virus vermehrt sich weiter und steht zugleich unter dem Druck des Medikaments. Varianten, die dem Wirkstoff ausweichen können, setzen sich dann durch. Wie die Vermehrung im Einzelnen abläuft, beschreibt Was macht HIV in meinem Körper?.

Wie entstehen Resistenzen genau?

Durch Auslese unter unvollständigem Medikamentendruck. Die resistente Variante entsteht nicht als Reaktion auf das Medikament, sie ist durch Zufall bereits vorhanden. Das Medikament verschafft ihr lediglich den Vorteil, sich gegenüber den empfindlichen Varianten durchzusetzen.

Hat sich eine resistente Variante einmal etabliert, bleibt sie im Virusreservoir erhalten, auch wenn das betreffende Medikament später abgesetzt wird. Deshalb schränkt jede entstandene Resistenz die künftigen Behandlungsmöglichkeiten ein. Manche Veränderungen wirken sich zudem auf mehrere Wirkstoffe derselben Klasse aus, was als Kreuzresistenz bezeichnet wird.

Was begünstigt Resistenzen im Alltag?

Vor allem unregelmäßige Einnahme. Daneben spielen Wechselwirkungen mit anderen Medikamenten, Nahrungsergänzungsmitteln und pflanzlichen Präparaten eine Rolle, weil sie den Abbau der HIV-Medikamente beschleunigen können.

UrsacheWirkung auf den Wirkstoffspiegel
Vergessene oder ausgelassene EinnahmenSpiegel fällt zeitweise unter den wirksamen Bereich
Eigenmächtige TherapiepausenSpiegel fällt vollständig ab, Viruslast steigt
Wechselwirkungen mit anderen ArzneimittelnBeschleunigter Abbau, Spiegel dauerhaft zu niedrig
Erbrechen oder starker DurchfallWirkstoff wird nicht ausreichend aufgenommen
Einnahme ohne Beachtung der Vorgaben zur MahlzeitAufnahme im Darm verändert sich

Wichtig: Auch scheinbar harmlose Mittel aus Drogerie oder Reformhaus können relevante Wechselwirkungen haben. Sprechen Sie deshalb jedes zusätzliche Präparat in Ihrer Schwerpunktpraxis an, bevor Sie es einnehmen, auch bei Bestellungen über Versandapotheken.

Was genau bedeutet Boosten?

Boosten bedeutet, dass eine zusätzliche Substanz den Abbau des eigentlichen Wirkstoffs in der Leber hemmt. Dadurch bleibt der Wirkstoff länger im Körper, der Spiegel ist gleichmäßiger, und es genügen niedrigere Dosierungen sowie seltenere Einnahmen.

Eingesetzt wird dieses Prinzip vor allem bei Proteasehemmern und bei einzelnen weiteren Wirkstoffen. Die boostende Substanz wirkt selbst nicht gegen HIV, sie hat allein diese unterstützende Funktion. Der Vorteil liegt in der besseren Alltagstauglichkeit der Therapie. Der Nachteil: Weil derselbe Abbauweg auch viele andere Arzneimittel betrifft, ist bei geboosteten Kombinationen besonders sorgfältig auf Wechselwirkungen zu achten. Welche Wirkstoffklassen es gibt, lesen Sie unter Was sind ART und HAART?.

Was passiert, wenn ich eine Einnahme vergesse?

Eine einzelne vergessene Dosis führt in aller Regel nicht sofort zu einer Resistenz. Problematisch wird es, wenn Einnahmen wiederholt oder über längere Zeiträume ausfallen. Setzen Sie die Therapie in einem solchen Fall wie gewohnt fort und nehmen Sie keine doppelte Menge, ohne Rücksprache zu halten.

Sprechen Sie wiederholte Einnahmelücken offen in Ihrer Praxis an. Das ist kein Grund für Vorwürfe, sondern eine wichtige Information: Oft lässt sich die Therapie so umstellen, dass sie besser in den Alltag passt, etwa auf eine andere Tageszeit, eine andere Kombination oder auf langwirksame Depotspritzen in mehrwöchigem Abstand. Auch bei Reisen mit Zeitverschiebung lohnt es sich, den Einnahmerhythmus vorher zu besprechen.

Wie wird der Erfolg der Therapie überprüft?

Über die regelmäßige Messung der Viruslast. Sie ist der zuverlässigste Indikator dafür, ob die Wirkstoffspiegel ausreichen. Liegt die Viruslast dauerhaft unter der Nachweisgrenze, arbeitet die Therapie wie vorgesehen, und es entstehen praktisch keine Resistenzen.

Steigt die Viruslast dagegen wieder messbar an, wird nach der Ursache gesucht, und häufig wird ein Resistenztest durchgeführt. Er zeigt, gegen welche Wirkstoffe das Virus unempfindlich geworden ist, sodass eine wirksame neue Kombination zusammengestellt werden kann. Eine stabil nicht nachweisbare Viruslast ist zugleich die Voraussetzung dafür, dass HIV sexuell nicht übertragen wird, siehe Nicht nachweisbar, nicht übertragbar. Weitere Fachbegriffe erklärt das Glossar.

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